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Ivy Blog 14. April - Hochzeit

#1 von Birgit - Admin , 08.05.2012 07:39

Samstag, 14. April 2012

Hochzeit
Zum ersten mal seit langem verlasse ich das Haus ohne Kopfbedeckung, und mit nackten Unterschenkeln, dafür in den hübschesten Klamotten, die ich dabei hab (was nicht viel heißt). Ich fühle mich unwohl.

Unterwegs bin ich heute mit der anderen Freiwilligen in meinem Projekt, und wir sind gleich auf zwei Hochzeiten eingeladen, mit dem ehrgeizigen Vorhaben, es auf beide zu schaffen. Zuerst geht es nach Ukunda; es heiratet unsere Kollegin Sofie, eine Lehrerin an der Busara Junior, und ich bin sehr gespannt, wie eine Hochzeit hier in Afrika aussieht.

Zunächst mal offenbar so wie alles andere in Kenia: Leer. Um 10 sollte die kirchliche Zeremonie beginnen, wir sind um halb elf weitgehend die ersten Gäste. Ein paar Kinder laufen schon herum, und vor der Tür werden fleißig mehrere Pötte Pilau zubereitet. Aber die Kirche - ein großer Raum von der selben Bauart wie die umgebenden Häuser und von außen nicht als solche zu erkennen, heute aber ausgestattet mit Podest, rosa-schwarzer Deko, jeder Menge Plastikstühlen und Band - ist noch ziemlich leer. Um halb zwölf gehen wir nebenan einen Tee trinken und Chapati essen. Kurz nach 12 trifft die Braut ein, sogar im Auto, mit jeder Menge Brautjungfern, alle in rosa. Vermutlich hat die Übergabe der Kuh, die der Ehemann in Kenia offenbar den Brauteltern schenken muss, heute morgen zu lang gedauert. In der Kirche werden seit einer Stunde Gospel gesungen, und die Leute haben noch immer gute Laune und tanzen. Langsam, ganz langsam endlich schreitet die Braut flankiert von ihren Eltern in die Kirche. Für die paar Meter von der Tür bis auf die Bühne braucht sie bestmmt 20 Minuten. Wir langweilen uns. Die Brautleute nehmen jeweils mit ihren Familien gegenüber voneinander an verschiedenen Enden der Bühne Platz. Und endlich sieht es so aus, als würde etwas passieren, doch - wieder Gesinge, Gospel, Warten.

Wir beschießen, die Hochzeit zu verlassen und auf die zweite Hochzeit nach Mombasa zu fahren. Die Fahrt dauert die übliche Dreiviertelstunde, inklusive Ferry. Und dann erreichen wir die Frau nicht, auf die wir angewiesen sind, um den Ort der Hochzeit zu finden. Deshalb gehen wir erstmal in einer Saftbar ein tolles Obstshake trinken. Als wir endlich rauskriegen, wo wir hinmüssen, nehmen wir ein Tuk Tuk, dessen Fahrer uns versichert, er wisse wohin, und sich dann doch verfährt. Nach langem Gefrage findet er den Ort - und beruhigt uns die ganze Zeit, wir müssen keine Angst haben, denn er passe auf uns auf. Dass wir bester Laune sind, entgeht ihm völlig. Wir erzählen ihm Märchen, wo wir herkommen, und er erzählt uns, wie arg er schon immer dorthin wollte.
Das zweite Brautpaar hat offensichtlich einiges mehr an Geld in die Zeremonie investiert als das erste. Die Halle ist riesig und voll mit gut gekleideten Leuten. Wir müssen uns ganz nach vorn setzen, wo unsere Gastmutter und die beiden Kinder sind. Das Essen und die eigentliche Trauung haben wir verpasst, Mist! Gerade sind sie beim Anschneiden der Hochzeitstorte. Unter Lobpreisungsgesängen für den Kuchen funktioniert das in etwa wie in Deutschland auch: Mit einem Messer und zwei Händen. Zwei schöne, vasenförmige Teile des modularen Kuchens werden zunächst den Elternpaaren überreicht, der Rest aufgeschnitten und mit der Gabel den übrigen Familienangehörigen direkt in den Mund gesteckt. Die anderen Gäste bekommen im Anschluss ein etwa zwei Kubikzentimeter großes Stück des Rührkuchens in Folie verpackt, aber lecker schmeckts doch.

Dann erfolgt die Geschenkübergabe unter großem Gesinge und Getanze, zuerst ist wieder die Familie dran, und die Brautleute bekommen Matratzen und Geschirr und Gas zum Kochen. Eine richtige, coole Big Mama tänzelt vor und übergibt mit dem dicken Hinterteil wackelnd lachend die Geschenke. Auch eine sehr alte Frau, bestimmt die Oma, tanzt noch locker mit. In Deutschland wäre sie mit dem Rollator gekommen, sicher.
Dann sind wir dran. Zum Glück habe ich eine Kleinigkeit dabei. Ich umarme die mir völlig Fremden und wünsche ihnen alles Gute - und sie freuen sich über die Gäste aus der Ferne, sagen sie zumindest. Wer weiß, worauf sie hoffen zu stoßen, wenn sie unser kleines Päckchen auspacken...
Mit noch mehr Getanze und Gesinge klingt die Hochzeit aus. Die frisch Vermälten werden mit Girlanden behängt und durch die Halle getragen, dann ist offiziell Schluss. Ich freue mich, dass unsere Hochzeiten in Deutschland länger dauern. Aber hier reicht es jetzt auch.

Wir fahren zurück in die Stadt zum Abendessen, da wir ja um das Hochzeitsessen gebracht wurden (echt fies, denn in den schönen Schalen des Partyservices hatten wir noch Reste entdeckt). Ich genieße es, mal wieder in einer Stadt zu sein, und auch wenn Mombasa weder schillernde Hochhäuser noch Straßenbahnen oder Leuchtreklamen aufweisen kann, gibt es mir doch ein urbanes Gefühl. Ich liebe Städte. Es ist Wahnsinn, was eine Stadt einem alles bietet, und ich vermisse wirklich meine Heimatstadt 2011, Montréal, und ihr Leben. Ich bezweifle, dass Mombasa da mithalten kann, aber im Vergleich zu Ukunda ist es trotzdem eine Stadt, und heute hätte ich einen Tag in der Stadt gegen jeden Strand der Welt eingetauscht. Ich bin froh, hier zu sein. Es ist, wie einen Tag auszubrechen aus dem Arbeitsalltag und in eine Oase zu kommen, nur das diese Oase eben nicht aus blauem Wasser und Palmen besteht, sondern laut ist und stinkt und vor sich hinwuselt. Aber genau das brauche ich manchmal, und es ist toll.


Wir gehen in ein Restaurant, schlendern über den Markt, und ich kaufe ein Kleid, das ich von 17 auf 6 Euro heruntergehandelt bekomme. Dann bummeln wir durch die Straßen und ich genieße einfach die Atmosphäre. Mombasa ist alt und dreckig, wie spanische Hinterhöfe, oder Nebenstraßen der Bronx oder schlimmer, aber es gibt ein paar Parks, hübsche Moscheen, größere Hotels. Die Straßen sind voll und chaotisch. Man fällt als Weißer nicht ganz so auf, wenn auch öfters mal ein Kind mit aufgehaltenen Händen vor mir auftaucht und dreist "give me money" fordert.

Ich wäre gern länger geblieben, doch als es dunkel wird, fahren wir zurück nach Ukunda und nach Hause. Meinen Kopf voller Ideen hätte ich gerne sofort für den Blog geschrieben, doch der längste Stromausfall seit ich hierbin macht diesen Plan zunichte. Erst bin ich frustriert, doch dann entdecke ich den Vorteil der allgegenwärtigen Dunkelheit: Heute ist ein unübertrefflich schöner Sternenhimmel zu sehen. Man erkennt Sterne, die man sonst nie sieht, in zu Wolken verschwimmenden Schwaden, die keinen Zweifel daran lassen, wo das Zentrum der Milchstraße liegt. Ich sitze auf der Terrasse und genieße (leider hat die Bar in der Nähe für ihre blöde Musik wohl einen Generator, sonst wäre es noch schöner gewesen). Als der Strom um eins immer noch nicht da ist, gehe ich schlafen. Morgen ist ja auch noch ein Tag.


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